Die Steinmetzschrift war in verschiedenen historischen Epochen mehr oder weniger von der Form der Kalligraphie- und Schreibschrift und seit der Verbreitung des Buchdrucks auch von der Form der Druckschrift beeinflusst. Steinmetzschriften unterscheiden sich grundsätzlich von Druckschriften, denn die Buchstaben werden meist nach einer handgezeichneten Skizze in die Steinoberfläche gemeißelt. Auf den Grabsteinen, die wir untersucht haben, sind Hunderte Schriftarten in unterschiedlichen Stilen zu sehen. Einige davon kann man mit Sicherheit als Imitationen von Druckschriften bezeichnen, für andere finden wir unter den Druckschriften jedoch kein Urbild.
Auf deutschen Gräbern findet man häufig gebrochene Schriften. In der untersuchten Stichprobe finden wir eine große Bandbreite hochkultivierter Formen aller Arten gebrochener Schriften, verschiedene Variationen von Textur, Rotunda, Schwabacher und Fraktur sowie deren zahlreiche Mutationen. Am häufigsten war auf den von uns kartierten Grabsteinen ein stark geometrisch stilisierter serifenloser Schrifttyp zu finden, der sehr oft sowohl in Stein als auch auf Opaxittafeln verwendet wurde. Diese radikal minimalistische und offensichtlich für die jeweilige Technik optimierte Schrift weist mit ihrem Aufbau und ihren Proportionen typische Merkmale für Schriften im Jugendstil auf. Die Schrift kommt in zahlreichen mehr oder weniger dekorativen und mehr oder weniger einfachen Varianten vor.
Die Steinmetzschriftkunst, die wir auf den Frottagen sehen, stellt in gewissem Sinne die letzte Epoche dieses Handwerks dar. Infolge der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und der darauffolgenden innenpolitischen Wende wurden zahlreiche renommierte Steinmetzbetriebe verstaatlicht. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Erscheinungsbild von Grabsteinen und Grabinschriften deutlich ärmer, und als gängigste Materialien wurden Kunststein und Glas verwendet. Auch wenn wir heute noch einzelne Steinmetze finden, die dieses Handwerk auf dem Niveau früherer Generationen ausüben können, steckt die Grabsteinkultur im Allgemeinem in einer tiefen Krise. Allmählich wurden die tschechischen Friedhöfe von schablonenhaften Grabsteinen aus sandgestrahlten Luxussteinen mit banaler digitaler Typografie überschwemmt.
Friedhöfe sind Orte, bei denen wir erwarten, dass sich dort nicht viel ändern wird. Die Blumen, die wir zu Allerseelen mitgebracht haben, können verwelken, die Brombeeren, die wir gepflanzt haben, können verdorren, die Kerzen können vom Wind ausgeblasen werden, ausbrennen oder die Batterien leer werden. Doch die Möglichkeit, dass wir die Ruhestätte unserer verstorbenen Angehörigen nie wiederfinden, wollen wir nicht wahrhaben.
Die hier gezeigten Grabsteinkopien,Abdrucke oder Frottagen, hat die Klasse für Schrift und Typografie der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag (UMPRUM) zwischen 2022 und 2024 angefertigt. Sie stellen eher einen Bericht über den aktuellen Stand unserer Untersuchung von Friedhöfen im Sudetenland als ein umfassendes Ergebnis der Forschung dar. Eine der Motivationen – ebenso wichtig wie das berufliche Interesse – war es, sich mit dem aktuellen Zustand der deutschen Friedhöfe im tschechischen Grenzgebiet vertraut zu machen, und das, was wir dort sehen würden, zu dokumentieren.
Auf den Friedhöfen konzentrierten wir uns auf deutsche Gräber, die vor 1945 angelegt wurden, die von niemandem gepflegt werden und die sich oft in einem sehr schlechten Zustand befinden. Einige der Friedhöfe, die wir besucht haben, existieren nicht mehr, von manchen Friedhöfen sieht man nur noch die Friedhofsmauern. Im Grunde genommen ist zwischen den Begriffen gepflegt und nicht existent jede beliebige Position vorstellbar, im ganzen Grenzgebiet findet sich eine komplette Typologie dieser Skala.
Die Frottage bietet eine ausgezeichnete nicht-invasive Aufzeichnungsmethode: Auf den Grabstein wird Papier gelegt und mit einem breiten Graphitstück wird durch leichtes Aufdrücken eine Kopie der Inschrift und der Verzierung erstellt. Erhabene und flache Stellen erscheinen dunkel, vertiefte Stellen werden weiß. Viele der beschädigten Grabsteine sind normalerweise unlesbar, mit der Frottage können sie zu neuem Leben erweckt werden.
Wir haben unsere Aktion weitergefasst, als Bewahrung der Erinnerung an uns unbekannte Menschen, als eine Art rituelles Gedenken daran, dass diese Menschen hier gelebt haben, wo wir jetzt leben. Wir leben mit ihnen, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Das Festhalten der verblassenden Erinnerung ist wichtig. Nur so kann ein würdiges Gedenken an die Verstorbenen bewahrt werden. Angesichts der historischen Ereignisse ist dies nicht nur angemessen, sondern vor allem notwendig.

























